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Vielfalt: Öffentliche Gelder für alle Teile der Gesellschaft

Öffentliche Mittel für alle Teile der Gesellschaft ausgeben – das sollte eigentlich selbstverständlich sein! Was mit geschlechtergerechter Mittelvergabe/Gender-Budgeting in vielen EU-Staaten für Frauen und Männer längst Realität ist, wird in etlichen angelsächsischen Ländern auch für ethnische Minderheiten bereits konsequent umgesetzt: öffentliche Mittel für alle Teile der Bevölkerung, Diversität bei Zielgruppe, Inhalt, Sichtbarkeit von Personen und bei denen, die Mittel beantragen. Erstaunlich, dass man das in Zeiten von Black Lives Matter (BLM) in Bayern immer noch nicht auf dem Radar hat. Traurige Realität: Hier kennt man nicht mal die Zahlen zur Diversität. Wir wollen das ändern.

Das Argument ist so bekannt wie dürftig: Frauen dürfen sich ja auch bewerben, Frauen wollen nur nicht, von Frauen kommt weniger. Wenn die männlichen Bewerber das Rennen machen: So ist es dann halt. Deshalb ist die gläserne Decke nach wie vor aus Panzerglas, deshalb gibt es noch immer 50% Frauen an Filmhochschulen, die nach dem Abschluss bis zum zweiten Film alle verschwunden sind, deshalb verdienen Frauen im Schnitt 20 Prozent weniger als Männer – für die gleiche Arbeit, versteht sich.

Auch ethnische Minderheiten leiden unter dem Desinteresse derjenigen, die Förderrichtlinien erlassen. Man nennt das strukturellen Rassismus.

„Die können sich ja bewerben“ – sinngemäß so wie im Falle der Benachteiligung wegen des Geschlechts „weiblich“ reagierte man im Ministerium für Wissenschaft und Kunst auch auf meine Anfrage vom 17. Juni. Ich wollte wissen, inwiefern ethnische Minderheiten im Bereich kultureller Bildung sowie Kultur- und Filmförderung bedacht werden.

Wörtlich heißt es in der Antwort:

„Die staatlichen kulturellen Förderprogramme sehen keine Kriterien für eine Berücksichtigung der Kultur bestimmter ethnischer Minderheiten vor, sondern stehen allen Kulturen gleichermaßen offen.“

Kleine Anfrage zum Plenum von Sanne Kurz, Grüne Fraktion Bayern

Zahlen kennt man übrigens keine. Ist das nicht unglaublich?

Steht allen gleichermaßen offen

Großer Wurf, um Benachteiligung auszugleichen: „steht allen gleichermaßen offen“. Wie mit Frauen, die seit Jahrzehnten unter 10% der Tatort-Drehbücher schreiben: „steht allen gleichermaßen offen“. Oder mit Menschen mit sichtbaren Behinderungen, die viele Rollen (warum keine Lehrkraft mit einem Arm in der Vorabend-Serie?!) leicht spielen könnten, auch gerade, wenn die Behinderung endlich mal gottlob nicht thematisiert wird: „steht allen gleichermaßen offen“. Oder queere Menschen, die nur auftauchen, wo ihr Lesbisch-, Trans-, Schwul- oder Inter-Sein eine Rolle spielt: „steht allen gleichermaßen offen“.

Fakt ist: Wir wissen nicht, wie gerecht verteilt öffentliche Mittel sind. Wir wollen aber Steuern von allen, egal wie alt, egal welches Geschlecht, egal welche Hautfarbe, egal woher, egal welche Muttersprache. Denn Steuern zahlen – genau: „steht allen gleichermaßen offen“.

Ich ahne, dass es für mich als weiße, verheiratete Akademikerin mit muttersprachlichem Deutsch und dem Namen Susanne Kurz leichter sein könnte, Fördermittel zu bekommen, als für die gleiche Frau mit anderer Hautfarbe, anderem Namen oder anderer Ausbildung. Ich vermute, dass es nicht nur am Talent liegt, wenn Chefetagen im Kunst-, Kultur- und Film-Business immer noch vorwiegend weiß, körperlich unversehrt, straight, alt, deutsch und männlich besetzt sind.

Wäre Okwui Enwezor Künstlerischer Direktor des Haus der Kunst geworden, wenn er 1982 mit 18 nach Bayern gegangen wäre, statt nach New York?

Okwuchukwu Emmanuel Enwezor, so sein voller Name. Mit Christians und Stefans tun wir uns leichter, trotzdem sollten selbstverständlich Menschen mit nigerianischem Namen in der BRD genauso erfolgreich sein können wie in den USA. Und Christians und Stefans, deren Passbild man ansieht, dass ihre Familie möglicherweise noch nicht lange hier lebt, zumindest nicht so lange wie die Franken, die romanisierten Kelten, oder schlicht die Bajuwaren in Bayern. Auch sie sollten genauso erfolgreich sein können wie andere.

Wo es strukturelle Benachteiligung gibt, braucht es strukturelle Förderung.

Solange man keine Zahlen kennt, weiß man natürlich nicht, ob man es z.B. als Person of Color schwerer hat, an öffentliche Mittel zu kommen. Oder Sichtbarkeit zu erreichen. Oder ob Frauen genauso viel Geld erhalten wie Männer. (Für die Hälfte der Bevölkerung fände ich 50% der öffentlichen Mittel einen guten Wert – davon sind wir allerdings weit entfernt.)

Die CSU-FW-Staatsregierung zuckt die Achseln und relaxt, auf Diversität angefragt. Denn: Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Eine bestürzende Ignoranz, die für die berufliche Existenz vieler Menschen schwerwiegende Folgen hat.

Wir legen daher einfach mal alleine los: Seit 17. Juli läuft die von den Landtags-Grünen mitfinanzierte Online-Umfrage Vielfalt im Film zu Vielfalt, Chancengerechtigkeit und Diskriminierung im Film. Die von einem breiten Bündnis aus Verbänden, Vereinen und Unternehmen getragene und von der Branchenplattform Crew United durchgeführte Studie soll die Zahlen liefern, die ich so vermisse. Denn:

„Gerecht ist, wenn von öffentlichen Mitteln alle gesellschaftlichen Gruppen gleich profitieren. Die Ergebnisse werden auch uns Landtags-Grünen dazu dienen, die dringend reformbedürftige bayerische Filmförderung aufzubrechen und Vielfalt auch im bayerischen Filmgeschäft mehr Raum zu geben.“

Pressemitteilung „Vielfalt im Film“ von Grüne Fraktion Bayern

Alle relevanten Informationen zur Umfrage „Vielfalt im Film“ finden sich hier.