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Pflege Sanne Kurz Einladung Veranstaltung Pflegekammern

Pflegenotstand – Pflegekammern. Eine Nachlese.

Die Pflegeveranstaltung am Freitag war der helle Wahnsinn. 2 Stuhlreihen extra mussten wir noch rein quetschen! Die beruflich Pflegenden haben z.T. sehr bewegend von ihrem (oft ehemaligen) Traumberuf berichtet – ganz krass, welche Geschichten es da zu hören gab. Der Einwohnerschaft ist glaube ich noch gar nicht klar, was da los ist. Einen Tag später stand es auch auf der Titelseite der SZ:

In München können aktuell nicht mehr alle Kinder in Kinderkliniken im Notfall aufgenommen werden. Kliniken melden sich regelmäßig ab, wenn sie in einem Sektor nicht einmal mehr Notfallbetreuung leisten können. Alle Bürgerinnen und Bürger können das hier eigentlich dick rot markiert nachlesen. Und trotzdem bleibt der Aufschrei der Öffentlichkeit aus. Dabei leiden letztendlich ja wir alle am Pflegenotstand, jede und jeder kann krank werden, wird alt, kann einen Unfall haben. Wir müssen also nicht nur wegen der Pflegenden dringend handeln!

Etliche Besucherinnen und Besucher berichteten von einer Situation, in der sie eine Arbeit, die einmal ihr Traumberuf war, nicht mehr so ausüben können, wie sie es gerne täten: Fachfremde Tätigkeiten sind Alltag, Qualifikationen und Weiterbildungen werden nicht abgerufen, sondern schlicht ignoriert, Menschen, die in Pflege einen Bacchelor- oder Masterabschluss haben, werden nicht, wie beispielsweise in Großbritannien, als „Advanced Nurse“ eingesetzt, aktuelles Wissen in der Pflege, mit dem man Menschen helfen könnte, rascher wieder ohne Pflege auszukommen und besser zu leben, dieses Wissen sei im Alltag oft nicht umsetzbar. – All das berichteten die Anwesenden. – Und es liegt wohl oft gar nicht mal am Geld…Strukturen müssten sich ändern, vor allem aber die Anerkennung des Berufes. Attraktive Angebote für Eltern in Pflegeberufen, die sich überlegen, ob sie überhaupt zurück kehren wollen nach der Elternzeit, Lösungen für Wiedereinsteiger*innen, mehr Ausbildung (mehr Lehrer!) und verbindliche Dienstpläne, nach denen man sein Privatleben auch verbindlich ausrichten kann. – Wichtig auch: Bezahlung für Pflege nicht nach „je schlimmer es dem Gepflegten geht, desto mehr Geld gibt es“, sondern nach dem, wie „erfolgreich“ man ist, also wie schnell es Leuten echt besser geht. – Das waren die Forderungen an unserem Abend. – Ein Teufelskreis: Druck und Frustration bringen Pflegende dazu, den Beruf zu verlassen, zwingen zur Aufgabe. Was zu noch weniger Fachpersonal führt, und noch mehr Druck. – Puh, man weiss gar nicht, wo man anfangen soll. Aber wie unsere Podiumsgäste sagten: „Das gute an einem Teufelskreis ist, es ist egal, wo man anfängt, man muss ihn nur irgendwo unterbrechen. Man kann da wenig falsch machen.“

Viele Leute vom Fach saßen hier zusammen, Menschen, die in Pflege-Ausbildung und im Management engagiert sind, aber auch Menschen, die am Bett arbeiten. Einige Gepflegte hatten den Weg zu uns in den Pfarrsaal der Gemeinde St. Stephan Neuperlach ebenso gefunden. – Sie alle wollten mit unseren drei Gästen diskutieren, die wir für ein wirklich hochkarätig besetztes Podium gewinnen konnten:

Wir hatten Markus Mai eingeladen, weil er seit 2016 erster Präsident einer Pflegekammer in der BRD ist, der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz. Wie die Architekten, die Anwälte und die Ärzte, tun sich aktuell bundesweit auch die Pflegenden zusammen und Pflegekammern werden gegründet:
Eine Kammer ist eine selbstverwaltete Vertretung einer Berufsgruppe. Eine Mitgliedschaft ist für Angehörige des Berufsstandes verpflichtend. Monatliche Mitgliedsbeiträge bestimmen die Mitglieder gemeinsam selbst. Die Beiträge aller machen die Kamern unabhängig von der Politik, da sie nicht am Tropf des Staats-Säckel hängen. Die Rheinland-Pfälzischen Pflegekammer-Mitgliedsbeiträge kann man beispielsweise hier transparent nachlesen. Leitungspositionen werden aus den Angehörigen des Berufsstandes heraus ehrenamtlich besetzt. AZUBIs können freiwillig Mitglieder werden. Träger und Arbeitgeber haben keinen Zugang zur Mitgliedschaft. Konkret sind die Aufgaben einer Pflegekammer ähnlich denen der anderen Heilberufe-Kammern:

Freilich, ein Allheilmittel mit denen morgen paradiesische Zustände anbrechen, ist auch eine Kammer nicht. Aber sie kann etwas, was aktuell in der Pflege nicht gegeben ist:

Sie zeigt, wie viele es sind, die beruflich Pflegenden. Sie zeigt die Macht dieser Berufsgruppe, die Kraft als ein großes Ganzes. Denn die Pflege ist bisher wenig politisiert, nur eine kleine Minderheit gehört Gewerkschaften oder Berufsverbänden an. Auch das war ein Credo aller auf dem Podium vertretenen Gäste: bildet Banden! Engagiert Euch! Schliesst Euch zusammen und politisiert Euch!

Das ging von Ideen wie „korrekt Dienst nach dem, was man gelernt hat, tun“ bis zu der Vision eines „Wochen-Streiks“ der Pflege, wo die Einwohnerschaft in Kliniken und Heime kommen muss, um die eigenen Kranken und zu Pflegenden zu pflegen. Elterninitiative für Angehörigen-Pflege in Krankenhäusern – wow – da ginge es mal rund. Als Streik geschulte Mutter von vier Kindern kann ich da nur sagen: Lassen wir es nicht so weit kommen, dass wir alle lernen müssen, was der Beruf für Herausforderungen bereit hält! Es gibt Menschen in Pflegeberufen, die das sehr gut machen, wenn man sie lässt! Solidarisieren wir uns, machen wir auf den Notstand aufmerksam, geben wir ihnen eine Stimme!


Veranstaltung zu häuslicher Pflege und Altenpflege von Bezirkskandidat Guido Bucholtz am 12.7.2018, 19:00, Infos hier.


Zum Weiterlesen, ohne Anspruch auf Vollständigkeit: